Um zu der oben genannten Erkenntnis zu gelangen, wendet Ortega y Gasset seinen Blick zunächst zurück in die Steinzeit. Eine feine Analyse der Lebensweise der damaligen Menschen führt ihn dazu, den Sonderstatus der Jagd unter den Glück bringenden Tätigkeiten des Menschen zu erläutern.

Die Steinzeitmenschen hatten die Jagd nach seiner Darstellung zwar nicht mehr nötig, da sie Ackerbau betrieben, sesshaft wurden und Vieh züchteten, aber sie erhielten sich diese einstmals die Existenz des Menschen sichernde Tätigkeit, indem sie weiterhin jagten.

Dieser Schritt ist enorm wichtig, um Ortega y Gassets Diagnose des Jägers und seiner Ethik durch alle Zeitalter hinweg bis in die Gegenwart zu verstehen. Die Jagd wurde also schon bald zum Luxus, Ortega y Gasset sagt „Sport“.

Zwar habe sich der Mensch nach Ansicht des spanischen Philosophen immer weiter spezialisiert, technisiert und von seinen ursprünglichen Lebensformen entfremdet. Das Verständnis der Jagd als Spiel bzw. Sport sei jedoch gleich geblieben.

Wer heute jagt, der schafft eine künstliche Rückkehr in ein ursprüngliches Menschsein als Jäger. Er tut so, als ob er Steinzeitmensch wäre, weiß aber genau, dass dies unmöglich ist. Mit diesen Gedanken geht untrennbar Ortega y Gassets Kritik am Stadtleben, der Zivilisation, der den Menschen manipulierenden Technik und dem Fortschrittsglauben einher.

Er macht sich nicht für die Vernunft und das Denken, sondern für die Instinkte des Menschen stark. Nur wenn es dem Menschen gelinge, in gewisser Weise wieder zum Tier zu werden, könne er glücklich werden.

Gerade der Jäger erhalte sich nun dieses Instinkthafte und schaffe sich bei der Jagd einen Augenblick einen Ausgleich zu einem kalkulierenden, rationalisierten, sinnleeren, technisierten und quälenden Dasein. Ortega y Gasset nennet das „Ferien vom Menschsein“.

Der Jäger flieht also wie kein anderer Mensch immer wieder aus einer erdrückenden, langweilenden, zivilisierten und technisierten Alltagswelt in eine Welt der Ursprünglichkeit. Indem er sich immer wieder in seinen Urzustand, dem Menschen als Jäger, versetzt, gibt er seiner Existenz einen tiefen, zufriedenstellenden Sinn – und wird glücklich.

Gedanken zur Ethik des Jägers

Nach diesen anthropologischen Erläuterungen kann nun die Jagdethik Ortega y Gassets umrissen werden. Auch wenn sich der Philosoph selbst in seinen Meditationen nicht recht festlegen will, wie nun der Jäger konkret moralisch handeln soll, lassen sich einige zentrale Aussagen über das moralische Verhalten des Jägers treffen:

Ein guter Jäger wird vor der Tötung eines jeden Lebewesens Zweifel haben und die Stimme seines Gewissens hören. Außerdem sind Jäger ganz besonders zur Moralität gezwungen, da sie unbedingt ihrem Handeln Grenzen setzen müssen. Tun sie das nicht, vernichten sie also das Wild und dessen Lebensräume, schaffen sie sich selbst ab.

Jäger erfahren sich in besonderem Maße als Menschen mit freiem Willen. Sie müssen diese Freiheit bewusst aus freiem Willen beschränken. Dazu richten Jäger Schonzeiten und Jagdgesetze ein, was dazu dient, ihnen langfristig ihre Glück bringende Tätigkeit zu erhalten.

Schließlich bezeichnet Ortega y Gasset das Jagen als eine Handlung, die nicht um eines äußeren Zieles, sondern um ihrer selbst Willen geschieht. Äußere Ziele wie Ehre, Befriedigung von Lüsten, Angeberei oder Ähnliches mit der Jagd zu verfolgen, zeigt nach Ansicht des spanischen Philosophen ein falsches Jagdverständnis.