Ein bekanntes Bild: Der eigentlich lammfromme Familienhund, der eben noch bei Fuß ging, erinnert sich von der Leine losgelassen seiner wölfischen Jagdgene und verschwindet im Unterholz. Mit lautem Gebell prescht er dann dem nächsten Reh hinterher, hetzt einen Hasen oder reisst ein Kaninchen, das nicht schnell genug den Weg in den Bau geschafft hat. An eine Rückkehr zu Herrchen oder Frauchen - gar auf Ruf oder Pfiff - ist für lange Zeit nicht mehr zu denken.

Für Hundehalter ist eine solche Szene eine mehr als missliche und zutiefst unangenehme Situation. Nicht nur stete Gewissensbisse plagen, dass der eigene Hund ein Wildtier verletzt oder ein Jungtier von seiner Mutter getrennt haben könnte. Auch die schlichte Sorge, dass der Hund in seinem Eifer an der nächsten Hauptstraße nicht halt machen und von einem Auto erfasst wird, läßt viele Hundehalter die Leine von Bello gar nicht erst abmachen.

Auch wer mit dem Wald und seinen Tieren mehr als nur den einen Sonntagsspaziergang zu tun hat, steht freilaufenden Hunden meist skeptisch gegenüber. Bei der Dichte der Waldwege und Straßen findet das Wild meist kaum mehr als 10 Meter neben dem nächsten Weg Deckung. Ein Leichtes für eine Hundenase, dieses Wildtier zu wittern und los zu sprinten. Jäger und Förster wünschen sich von Hundebesitzern daher vor allem die Erkenntnis, dass sie genetisch betrachtet mit einem Raubtier in den Wald gehen und das "Spielen" von Bello für das Wild keine Freude, sondern Angst und schmerzliches Leid bedeuten kann. Der Meinung vieler Waidmänner nach gehören Hunde im Wald daher auch kategorisch an die Leine.

Für Annalisa Deimel, Hundetrainerin mit der Spezialausrichtung Jagdhundeausbildung von der Hundeschule am Rolandsbogen in Bonn, offenbart ein wildernder Hund vor allem eines: Ein massives Gehorsams-Problem. "Der Hund fragt erst gar nicht bei Ihnen, seinem Rudelführer, nach der Erlaubnis, selbst "Beute machen" zu dürfen. Der Hund bestimmt hier selbst seine Aktionen - nicht Sie." lautet ihr Urteil. Auf solches Verhalten muss mit konsequentem Training reagiert werden, denn der Hund muss an seine Position im Rudel zurückgeführt werden. Und diese Position ist nicht die Rolle des Entscheiders.

Dieses Verhalten abzustellen ist Thema von "Anti-Jagd-Trainings" zahlreicher Hundeschulen. Dabei werden Wege aufgezeigt, wie Frauchen oder Herrchen wieder die Führung ihres Hundes übernehmen können, Ihrem Hund wieder ein Rudelführer sein können. In der Folge wird auch der Weg durch den Wald oder an der Feldkante wieder stressfrei möglich. "Ein guter Anti-Jagd-Trainingskurs kommt dabei ohne Druck, laute Worte oder technische Hilfsmittel aus", bestätigt Hundetraininerin Deimel und verweist auf ihr Kursprogramm "Anti-Jagd-Training". Bleibt zu hoffen, dass mehr Hundebesitzer sich ihrer Verantwortung bewusst werden.